Rinderhalter im Lahn-Dill-Kreis bekommen keine Dauergenehmigung für den Weideschuss. (Foto: LDK)

Der Todesschuss auf der Weide?

Keine Dauergenehmigung für Rinderhalter im Lahn-Dill-Kreis

Wetzlar/Herborn/Dillenburg (ldk): Sie wollen ihren Tieren den Transport zum Schlachter ersparen, sie nicht unnötig stressen und sie am liebsten in ihrer gewohnten Umgebung lassen: Bei einigen Landwirten im Lahn-Dill-Kreis wird der Ruf nach einer Schlachtung auf der Weide immer lauter. Sie wollen ihre Tiere schützen, sie nicht in Angst versetzen. In Einzelfällen ist die Tötung auf der Weide auch möglich: Nach Stellung eines Antrages und der Prüfung der Umstände vor Ort durch das Veterinäramt - und im Falle des Kugelschusses auch noch durch die Waffenrechtsbehörde. Immer mehr Landwirte fordern jetzt allerdings eine Dauergenehmigung zur Schlachtung auf der Weide. Das spare Zeit und Kosten, umgehe die Antragsstellung und den Prüfvorgang. Der Erste Kreisbeigeordnete Heinz Schreiber hat nun seine Fachleute in der Kreisverwaltung zu einem Gespräch gebeten, um das Thema aufzuarbeiten. "Natürlich kann ich verstehen, dass die Schlachtung auf der Weide für Rinderhalter eine gute Alternative darstellt. Man muss im Gegenzug aber auch uns als Behörde verstehen. Wir tragen Sorge was Tierschutz, Hygiene und Waffenrecht angeht. Da sind wir ganz klar an das Bundesrecht gebunden", so Schreiber.

Jeder Fall wird neu bewertet
"Wir müssen jeden Fall einzeln betrachten. Jedes Tier ist individuell. Jede Situation vor Ort kann eine andere sein. Die Tierische Lebensmittel-Hygieneverordnung (Tier-LMHV) sieht ganz klar vor, dass einzelne Tiere nur mit Genehmigung der zuständigen Behörde auf dem eigenen Hof geschlachtet werden dürfen. In der Regel werden Schlachtungen in den Schlachtbetrieben vorgenommen ", sagt Dr. Hans-Joachim Stumpf, Leiter des Veterinäramtes des Lahn-Dill-Kreises. "Wir handeln nach Recht und Gesetz." Das bedeutet: Eine Tötung auf der Weide darf man in Ausnahmefällen erst nach genauer tierschutz- und hygienerechtlicher Prüfung durchführen. Es muss sich um (einzelne) Tiere handeln, deren Transport sehr riskant und aus Tierschutzgründen nicht vertretbar ist. Eine Dauergenehmigung ist vom Gesetzgeber schlichtweg nicht vorgesehen.

Hinzu kommt, dass das Töten auf der Weide mit einer Reihe von Auflagen verknüpft ist. Der Entblutestich muss innerhalb von 60 Sekunden nach der Betäubung gesetzt werden. Das Blut muss sicher aufgefangen werden und darf nicht einfach im Weideboden versickern. Die Entsorgung muss gemäß den Vorschriften des Tierkörperbeseitigungsrechts erfolgen. Der Tierkörper kann zum Beispiel nicht unbedacht über die Weide gezogen werden. Er muss hygienisch abtransportiert und gelagert und innerhalb einer Stunde zum Schlachthof gebracht werden. Dafür muss ein leicht zu reinigendes und zu desinfizierendes Transportmittel (zum Beispiel ein Anhänger) vom Landwirt bereitgehalten werden. Zum Schutz vor Verunreinigungen und Insekten muss das Transportfahrzeug geschlossen sein.

Betäubung durch den Schuss
Es ist gesetzlich geregelt, dass jedes Tier vor der Schlachtung betäubt werden muss. Dazu gibt es zwei Methoden: Den herkömmlichen Bolzenschuss und den Kugelschuss. Beide Methoden führen gleichermaßen zu einer irreversiblen Schädigung des Hirns, also zur Betäubung. Die Besonderheit bei der Kugelschussmethode besteht darin, dass der Landwirt zusätzlich eine waffenrechtliche und eine tierschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung vorlegen muss. Wer seine Tiere per Kugelschuss betäuben möchte, muss vieles bedenken: Werden die Tiere das ganze Jahr über im Freien gehalten? Liegt eine plausible Begründung vor, weshalb die Rinder nicht mit der herkömmlichen Methode, dem Bolzenschuss im Fanggitter auf der Weide, betäubt werden können? Ist der Tierhalter zuverlässig? D. h. besteht Witterungsschutz, gibt es trockene Liegeflächen, können kranke Tiere separiert und in einen Stall gebracht werden, wird bei Bedarf zugefüttert? Um eine Verwilderung von im Freien gehaltenen Rindern zu verhindern, was nach Tierschutzaspekten unbedingt anzustreben ist, sollten die Tiere zumindest soweit an den Menschen gewöhnt sein, dass eine Behandlung durch den Tierarzt sowie tierseuchenrechtliche Kontrollen möglich sind. Bei seinen Prüfungen vor Ort hat das Veterinäramt des Kreises auch gegenteilige Erfahrungen machen müssen. So waren mitunter zunächst als "wild" deklarierte Tiere durchaus verlade- und transportfähig. "Es kommt auch immer darauf an, wie der Tierhalter mit seinen Tieren umgeht, ob er eine Beziehung zu ihnen aufbaut und regelmäßig Kontakt zu ihnen hält", so Stumpf. "Der Tierhalter hat es selbst in der Hand, ob seine Tiere umgänglich und händelbar bleiben oder zur Gefahr für die öffentliche Sicherheit werden."

Dennoch: Der moralische Aspekt
Eine Tötung auf der Weide erspart den Tieren den Transport und möglicherweise erheblichen Stress. Laut Veterinäramt gibt es gute Gründe, die dieses Verfahren stützen. "Die Dauergenehmigung der Bolzenschussmethode auf der Weide könnte eine probate Lösung sein - sowohl im Sinne des Tierschutzes als auch unter Hygieneaspekten. Diese könnte zum Beispiel als eine Art Erweiterung eines bestehenden, zugelassenen Schlachtbetriebs in Form einer mobilen Schlachteinheit legalisiert werden. Quasi als Außenstelle des Schlachtbetriebs", so Stumpf. Auch aus Sicht der Abteilung für den ländlichen Raum kann die hofnahe Schlachtung gerade für landwirtschaftliche Betriebe mit Direktvermarktung eine Chance bieten. Außerdem würde dies der Initiative Regionale Fleischvermarktung entgegenkommen. Derzeit erproben Betriebe in Nordhessen in Zusammenarbeit mit Metzgern und dem RP Kassel entsprechende rechtskonforme Arbeitsabläufe. In diesem Zuge soll ein Leitfaden für die hessenweite Genehmigungspraxis erarbeitet werden. Dieses Pilotprojekt gilt es zu begleiten und Ergebnisse auszutauschen. "Der Verordnungsgeber müsste das Recht entsprechend ändern. So lange da nichts geschieht, sind uns die Hände gebunden. Unser Veterinäramt beabsichtigt aber bis dahin, das Verfahren zur Beantragung von Einzelgenehmigungen zu formularisieren, um es zu vereinheitlichen und zu beschleunigen", erläutert Heinz Schreiber.

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