25.03.2026 | 10:30

Jamie-Lee und Milena sind die besten Vorleserinnen des Lahn-Dill-Kreises

Buchlesungen von mächtigen Zaubertränken und unverschämten Einhörnern / IMeNS-Verbund richtet Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs aus

Jamie-Lee Wagner liest in Runde 2 aus Marie Hüttners „Rocky Winterfeld: Ziemlich neben der Spur“. Foto: Lahn-Dill-Kreis

Jamie-Lee Wagner liest in Runde 2 aus Marie Hüttners „Rocky Winterfeld: Ziemlich neben der Spur“. Foto: Lahn-Dill-Kreis

„Wo bleibt der Applaus?“, fragt Milena Wagner mit hoher Stimme und schaut auffordernd ins Publikum. Das reagiert prompt – unter klatschendem Beifall klappt die Fünftklässlerin ihr Buch zu, steht auf und setzt sich zurück auf ihren Platz. Sie hat gut gelesen. So gut, dass die Schülerin der Integrierten Gesamtschule Solms zur besten Vorleserin des südlichen Lahn-Dill-Kreises gekürt werden wird. Mit Jamie-Lee Wagner von der Johann-Heinrich-Alsted-Schule in Mittenaar wurde am folgenden Tag auch die beste Vorleserin des nördlichen Lahn-Dill-Kreises gekürt.

Drei Minuten lang hat Milena die Zuhörenden in ihren Bann gezogen, hat sie entführt in Michael Endes Welt des satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunschs, hat ihre Stimme nicht nur einem krächzenden Raben und einem naiven Kater geliehen, sondern auch einer schrillen Hexe – und hat die Textstelle beendet, sobald diese aus dem Schornstein sprang und ihren Applaus einforderte. Nun muss sich das Publikum auf eine neue Geschichte einstellen, denn schon sitzt das nächste Kind mit einem aufgeschlagenen Buch vor ihnen und wartet darauf, seine Geschichte zu präsentieren.

Zwei Wettbewerbe, 16 Fünftklässlerinnen und Fünftklässler und jede Menge spannende Geschichten: Das war der Kreisentscheid des Bundesweiten Vorlesewettbewerbs. Die Jury hatte an diesen beiden Nachmittagen keinen leichten Job, schließlich handelte es sich bei den Kindern nicht nur um die besten Vorleserinnen und Vorleser ihrer Klasse, sondern auch ihrer gesamten Schule. Um nun auch den Kreissieg zu erringen, mussten sie zunächst drei Minuten lang aus einem selbst ausgewählten Buch vorlesen. Die Bandbreite der gelesenen Texte hätte nicht größer sein können. Egal ob lustig oder traurig, ob mysteriös oder albern – für jeden Geschmack war etwas Passendes dabei. Am Ende dieser Runde hatte das Publikum miterlebt, wie ein Drache aus seinem Ei schlüpfte, wie sich eine Teenagerin über die Hosen ihres Sportlehrers aufregte, wie eine verrückte Familie bei „Wer wird Millionär“ teilnahm und vieles mehr.

Nachdem sich die Jury zu einer kurzen Zwischenberatung zurückgezogen hatte, folgte die zweite Runde. Hier mussten die Kinder zwei Minuten lang aus einem ihnen unbekannten Text vorlesen – und zwar aus den ersten Seiten des Buches „Rocky Winterfeld: Ziemlich neben der Spur“. Hintereinander lasen die Fünftklässlerinnen und Fünftklässler die Geschichte des Schülers Rocky, der einen geheimnisvollen Brief eines unbekannten Absenders erhält und dessen Leben danach völlig aus den Fugen gerät. Anschließend beriet sich die Jury ein letztes Mal – und dann standen die Siegerinnen fest!

Die Gewinnerin für den nördlichen Lahn-Dill-Kreis ist Jamie-Lee Wagner aus der Johann-Heinrich-Alsted-Schule in Mittenaar. In der ersten Runde war sie mit einer Textstelle aus Charlotte Habersacks „Bitte nicht öffnen 5: Magic!“ angetreten. Dabei hatte Jamie-Lee die Jury nicht nur von ihrer Vorlesekunst überzeugt, sondern ganz nebenbei auch mit Vorurteilen über männliche Einhörner aufgeräumt. Den Wettbewerb des südlichen Lahn-Dill-Kreises gewann Milena Wagner aus der IGS Solms, die mit ihrer Lesung aus Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ noch lange im Gedächtnis blieb.

Das erwartet die Siegerinnen jetzt
Im Frühjahr werden die beiden Siegerinnen in Gießen aufeinandertreffen. Dort werden sie im Bezirksentscheid nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen andere Kreissiegerinnen und Kreissieger antreten. Sollte eine von ihnen auch diesen Wettbewerb für sich entscheiden, winkt der Landes- und schließlich sogar der Bundesentscheid. Doch das ist noch ein weiter Weg. Bis dahin heißt es: Daumendrücken!

Eine Frage aber ist offengeblieben: Wer schrieb Rocky Winterfeld eigentlich die rätselhaften Briefe? Die 16 Vorleserinnen und Vorleser des Lahn-Dill-Kreises sind wahrscheinlich gerade dabei, es herauszufinden – denn jedes Kind bekam für seine Teilnahme ein Exemplar des Buches geschenkt.

Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels
1959 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufen, wird jedes Jahr die beste Vorleserin oder der beste Vorleser eines fünften Jahrgangs gesucht – in ganz Deutschland. Dieses Jahr findet der Bundesweite Vorlesewettbewerb bereits zum 67. Mal statt. Los ging es schon im Oktober, als die fünften Klassen bundesweit begannen, den besten Vorleser oder die beste Vorleserin ihrer Klasse zu suchen. Im Dezember traten die Siegerkinder im jeweiligen Schulentscheid gegeneinander an. Und ebendiese Schulsiegerinnen und Schulsieger kamen nun zusammen, um herauszufinden, wer im Lahn-Dill-Kreis am besten liest. Im Bildungshaus der Schulabteilung stellten sie sich einer vierköpfigen Jury aus lesebegeisterten Personen der Medien- und Bibliotheksbranche. Die Moderation übernahm Mona Schicke, Bibliothekspädagogin des Bibliotheksservice – Schulen, der auch die Veranstaltung organisierte.

Der Wettbewerb soll Begeisterung für Bücher in die Öffentlichkeit tragen, die Lesekompetenz von Kindern stärken und diese somit dabei unterstützen, ihren Horizont zu weiten, gesellschaftliche Veränderungen einzuordnen und Offenheit für Neues zu entwickeln. Auf www.vorlesewettbewerb.de/der-wettbewerb/buchempfehlungen veröffentlicht die Stiftung Buchkultur und Leseförderung daher außerdem kuratierte Lesetipps zu zahlreichen Themen – auch abseits der bekannten Kinderbuchklassiker.