17.02.2026 | 14:12

Inklusion und Start-Up gehen Hand in Hand

PiWeCo als Teilhabechampion im Dezember 2025 ausgezeichnet

Der Titel „Teilhabechampion“ würdigt monatlich Unternehmen, die sich in besonderem Maße für eine inklusive, vielfältige und chancengerechte Arbeitswelt einsetzen. Im Dezember 2025 wurde die Auszeichnung an PiWeCo verliehen. V. l. n. r.: Burak Dogan, Susanne Eiben, Monika Mundt, Katharina Didlapp, Dirk Köhler, Jan Pitzer, Dr. Rebeecca Neuburger-Hees, Michael Ott, Hans-Joachim Natschke. Foto: Lahn-Dill-Kreis

Der Titel „Teilhabechampion“ würdigt monatlich Unternehmen, die sich in besonderem Maße für eine inklusive, vielfältige und chancengerechte Arbeitswelt einsetzen. Im Dezember 2025 wurde die Auszeichnung an PiWeCo verliehen. V. l. n. r.: Burak Dogan, Susanne Eiben, Monika Mundt, Katharina Didlapp, Dirk Köhler, Jan Pitzer, Dr. Rebeecca Neuburger-Hees, Michael Ott, Hans-Joachim Natschke. Foto: Lahn-Dill-Kreis

Wo andere vor allem Risiken sehen, erkennt Jan Pitzer vor allem Potenziale. In der Produktionshalle der PiWeCo GmbH & Co. KG in Solms geht es nicht nur um präzise Schweißnähte und technische Perfektion, sondern um Vertrauen, Erfahrung und motivierte Teamarbeit. Dass ein Start-up bereits in seiner Aufbauphase konsequent auf Inklusion setzt, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit – für PiWeCo jedoch gelebter Alltag. Für dieses besondere Engagement wurde das Unternehmen als „Teilhabechampion des Monats Dezember 2025“ ausgezeichnet.

Bei der Übergabe der Auszeichnung waren unter anderem Dr. Rebecca Neuburger-Hees, Hauptamtliche Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin, Susanne Eiben (kommunale Behindertenbeauftragte des Lahn-Dill-Kreises), Monika Mundt (Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber – EAA), Jenny Truhöl (Handwerkskammer Wiesbaden), Dirk Köhler (Bundesagentur für Arbeit), die Solmser Bürgermeisterin Katharina Didlapp sowie Geschäftsführer Jan Pitzer anwesend. Die beiden Mitarbeitenden Hans-Joachim Natschke und Michael Ott standen im Mittelpunkt der Würdigung.

Start-up, Schweißtechnik und gelebte Inklusion
PiWeCo vereint zwei Bereiche: die schweißtechnische Beratung, die Geschäftsführer Jan Pitzer selbst übernimmt, und die Produktion, in der derzeit zwei Mitarbeitende mit Schwerbehinderung beschäftigt sind. Gemeinsam fertigt das Team hochspezialisierte Bauteile für den Energiesektor. Die einzelnen Komponenten werden durch den Kunden international beschafft und für die Lohnschweißung bereitgestellt und anschließend in Solms mit speziellen Schweißtechniken weiterverarbeitet. „Wir konkurrieren mit China“, erklärt Pitzer. „Gleichzeitig führen die Insolvenzen heimischer Unternehmen dazu, dass wir verstärkt Anfragen bekommen. Das zeigt, wie wichtig regionale Wertschöpfung ist.“ Dass ein junges Unternehmen von Beginn an auf Inklusion setzt, ist für Pitzer keine strategische Entscheidung, sondern eine Haltung: „Ich brauche Menschen, die die Arbeit verstehen und mit einer gewissen Gelassenheit rangehen. Das Bewerbungsgespräch mit Herrn Natschke hat keine drei Minuten gedauert – da wusste ich, das passt.“

Erfahrung, Motivation und Vertrauen sind ausschlaggebend
Hans-Joachim Natschke bringt jahrzehntelange Berufserfahrung mit. Er hat Facharbeiter für Schweißtechnik in der damaligen DDR gelernt und war unter anderem bei Buderus tätig. Nach einem Unfall bei der Feuerwehr und mehreren Operationen war der Weg zurück ins Arbeitsleben nicht selbstverständlich. „Jetzt bin ich hier – und das ist wirklich ein Glücksgriff“, sagt Natschke. Auffällig ist ein Schild an seinem Arbeitsplatz, fett gedruckt und unübersehbar: „Gas geben!!!“ – eine doppelte Erinnerung, das Gas an der Maschine nicht zu vergessen und gleichzeitig ein persönliches Motivationsmotto. Michael Ott ist seit Dezember 2025 Teil des Teams. Auf die Stelle aufmerksam wurde er durch das Netzwerk der EAA. „Gemeinsam mit Herrn Natschke und Herrn Ott baue ich das Unternehmen auf“, so Pitzer. „Es funktioniert nur zusammen – als Team.“

Flexibilität statt Vorurteile
Arbeitszeiten werden bei PiWeCo flexibel gehandhabt: „Wir haben die Möglichkeit, die Arbeitszeiten in einem gewissen Rahmen an die persönlichen Stärken der Mitarbeiter anzupassen. Nicht jeder ist Frühaufsteher und nicht jeder möchte bis spät abends in der Firma hängen. Ich setze auf Eigenverantwortung, so lange am Ende die Stunden geleistet und die Produktionszahlen erreicht wurden“, erklärt der Geschäftsführer. Muss Pitzer einmal außer Haus, helfen sich die Kollegen mit Videoanrufen. „Das klappt. Man muss es nur wollen.“ Auch das Miteinander mit den benachbarten Betrieben ist geprägt von Pragmatismus und Vertrauen: „Wenn die Nachbarn etwas geschweißt haben wollen, legen sie es vor die Tür – am nächsten Tag ist es fertig“, sagt Natschke schmunzelnd. „Wie Heinzelmännchen eben.“

Inklusion sichtbar machen
Der erste Kontakt zu Förder- und Unterstützungsangeboten entstand über die Agentur für Arbeit und die Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber. Für Susanne Eiben ist PiWeCo ein Paradebeispiel dafür, worum es beim Teilhabechampion geht: „Wir wollen Unsichtbares sichtbar machen. Wenn ich hier in den Raum schaue, sehe ich nicht auf den ersten Blick eine Behinderung. Behinderung ist nicht nur der Rollstuhlfahrer – davon müssen wir wegkommen.“

Jan Pitzer bestätigt, wie hartnäckig solche Bilder sind: „Als ich Bekannten erzählt habe, dass ich Menschen mit Behinderung beschäftige, kam sofort die Frage, ob ich sie denn überhaupt allein lassen könne – viele hatten direkt einen Menschen mit Down-Syndrom vor Augen. Die Realität ist: Ich kann mich auf Herrn Natschke und Herrn Ott verlassen.“ Monika Mundt bringt es auf den Punkt: „Wir müssen weg von der Defizitperspektive und hin zu den Ressourcen eines Menschen. Ein Grad der Behinderung beschreibt nicht automatisch einen Grad der Leistungseinschränkung.“ Auch die Solmser Bürgermeisterin Katharina Didlapp würdigt das Unternehmen mit klaren Worten: „Es ist eine Freude zu sehen, wie erfolgreich sich in diesem Betrieb die Begriffe Start-up und Inklusion verbinden.“

Die Auszeichnung
Mit dem Titel „Teilhabechampion“ werden monatlich Unternehmen, die sich in besonderem Maße für eine inklusive, vielfältige und chancengerechte Arbeitswelt einsetzen, gewürdigt.  Die Jury – bestehend aus der kommunalen Behindertenbeauftragten, der Wirtschaftsförderung des Lahn-Dill-Kreises, der Einheitlichen Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA), der Handwerkskammer Wiesbaden, der IHK Lahn-Dill sowie der Agentur für Arbeit Limburg-Wetzlar – zeichnet PiWeCo für eine Haltung aus, die zeigt: Inklusion ist kein Mehraufwand, sondern eine Frage des Wollens – und des Vertrauens in Menschen und ihre Stärken.