29.04.2026 | 15:15
Miteinander statt übereinander reden: 25 Jahre Recht auf gewaltfreie Erziehung
Fachveranstaltung und Aktionstag machen auf Jubiläum aufmerksam

In einem offenen Podiumsgespräch tauschten sich, Fachkräfte, Politik und Jugendliche zur gewaltfreien Erziehung und zu Kinder- und Jugendrechten aus. Foto: Lahn-Dill-Kreis
Seit Januar 2001, also seit genau 25 Jahren, haben Kinder durch den neu formulierten § 1631 BGB das verbriefte Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.: „Das Kind hat das Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen“ – so der Gesetzestext in seiner aktualisierten Fassung.
Der 30. April steht seither bundesweit im Zeichen des „Tags der gewaltfreien Erziehung“. Auch im Lahn-Dill-Kreis wird in jedem Jahr mit einem Aktionsstand auf das Anliegen des Gesetzes, ein gesellschaftliches Leitbild für ein gewaltfreies Aufwachsen zu schaffen aufmerksam gemacht. Ziel ist es, über gewaltfreie Konfliktlösungen in der Familie ins Gespräch zu kommen und Unterstützungsangebote bekannt zu machen.
In diesem Jahr haben der Lahn-Dill-Kreis, die Stadt Wetzlar, der Kinderschutzbund und die August-Bebel-Gesamtschule zusätzlich zu einem Fachaustausch eingeladen.
Fachveranstaltung und offener Austausch mit Jugendlichen
Zum 25-jährigen Jubiläums des Rechts auf gewaltfreie Erziehung fand am 28. April 2026 im Kreishaus eine Fachveranstaltung statt. Unter dem Motto „25 Jahre § 1631 BGB: Recht auf gewaltfreie Erziehung – Auftrag, Haltung und Verantwortung“ informierte Miriam Zeleke, Landesbeauftragte für Kinder- und Jugendrechte Hessen in einem Impulsvortrag. Frei nach dem Motto „Miteinander statt übereinander reden“, tauschten sich im anschließenden Podiumsgespräch Miriam Zeleke, Dr. Rebecca Neuburger-Hees, Kreis-Sozialdezernentin des Lahn-Dill-Kreises und Manfred Wagner, Oberbürgermeister und Sozialdezernent der Stadt Wetzlar sowie Stephan Scholz, Leiter der August-Bebel-Gesamtschule im direkten Gespräch mit Jugendlichen aus der Stadt Wetzlar und dem Lahn-Dill-Kreis über die Umsetzung einer gewaltfreien Erziehung, Hilfsmöglichkeiten und Angebote für Kinder und Jugendliche aus.
Die Schülerinnen und Schüler die beim Podiumsgespräch den Standpunkt für Jugendliche und Kinder vertraten, schilderten ihre Erfahrungen mit Schulpsychologen und mit Lehrkräften als Ansprechpartner als eher schwierig, da diese befangen sein könnten und es Jugendlichen oft schwer falle auf diese zuzugehen. Außerdem merkten sie an, dass Hilfeeinrichtungen, Hotlines und Institutionen oftmals wenig bekannt und präsent seien und für Jugendliche und insbesondere für jüngere Kinder, beispielsweise im Grundschulalter, schwer zugänglich seien. So betonte Konstantin: „Ich als Jugendlicher könnte nach einer Hotline googlen und mich überwinden dort anzurufen. Als Grundschulkind steht einem jedoch oft kein eigenes Telefon zur Verfügung. Wenn es dann ein Problem Zuhause gibt, braucht es einen einfacheren Zugang für kleinere Kinder.“ Die Jugendlichen waren sich einig: Es braucht einfache und präsente Ansprechmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche.
Kreis-Sozialdezernentin Dr. Rebecca Neuburger-Hees bedankte sich für die offene Rückmeldung der Jugendlichen. Sie befürworte einen offenen Austausch, denn nur wenn Kritikpunkte offen angesprochen werden, könne man die Praxis verbessern. „Nur weil ein Konzept gut geschrieben ist, bedeutet es nicht, dass es in der Umsetzung funktioniert. Hier müssen wir uns immer wieder selbst reflektieren und Konzepte bei Bedarf anpassen“, betonte Dr. Rebecca Neuburger-Hees. „Das Recht auf gewaltfreie Erziehung ist kein symbolischer Meilenstein, den wir einmal feiern und dann abhaken können. Es ist ein täglicher Auftrag an uns alle – an Familien, an Fachkräfte und an die Gesellschaft insgesamt. Nach 25 Jahren sehen wir: Wo Kinder respektvoll behandelt werden, wachsen sie stark und selbstbewusst auf. Unsere Verantwortung als Landkreis ist es, genau diese Haltung zu fördern, zu schützen und dort einzugreifen, wo sie verletzt wird.“
Oberbürgermeister Manfred Wagner machte darauf aufmerksam, das bestehende und aktive Jugendforum zu nutzen, um mit Vertreterinnen und Vertretern der Jugendlichen gemeinsam zu schauen, wie man die vorhandenen Angebote adressatengerechter aufstellen und über geeignete Kanäle bewerben kann, um erleichterte Zugänge zu schaffen. Er ergänzte: „Wenn wir heute auf 25 Jahre § 1631 BGB blicken, dann war der Weg dorthin kein einfacher. Er war politisch stark diskutiert und kam viel später, als zum Beispiel in den skandinavischen Ländern. Der damit eingeleitete Weg, der den Übergang von der Duldung zur klaren Ächtung von Gewalt in der Erziehung markiert, war ein wichtiger Meilenstein für unsere Gesellschaft. Das dürfen und das müssen wir positiv würdigen, zumal es den gesellschaftlichen Grundkonsens abbildet. Dennoch müssen uns die aktuellen Entwicklungen mit Sorge erfüllen. In einer Gesellschaft, deren Grundgesetz mit Artikel 1 den Satz voranstellt „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ müssen wir gerade die Würde unserer Jüngsten besonders schützen. Daher braucht es jede Form der gesellschaftlichen Aufklärung und Diskussion – eben nicht nur am 30. April eines jeden Jahres.“
Ergänzt wurden Vortrag und Podiumsgespräch durch eine kleine Ausstellung mit Videos und Bildern, die Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Institutionen zur Thematik angefertigt haben. Die Ausstellung wird ab dem 30. April 2026 für eine Woche in der Stadtbibliothek Wetzlar zu sehen sein und kann dort zu den Öffnungszeiten bestaunt werden.
Aktionsstand in Wetzlar am 30.04.
Der Lahn-Dill-Kreis, die Stadt Wetzlar, der Kinderschutzbund laden am Aktionstag, Donnerstag den 30. April 2026 von 16 bis 18 Uhr zu Mitmachangeboten und Informationen zur Aktionsfläche vor der Stadtbibliothek in der Bahnhofstraße in Wetzlar ein. Begleitet wird die Aktion durch Spielszenen des Kindertheaterprojekts Wetzlar sowie durch Jugendliche des Wetzlarer Jugendforums, die sich intensiv mit Kinderrechten auseinandergesetzt haben.





